Fakt 9
Geschichte und Gefängnis
Was kam davor und was kommt danach?
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Die Geburt des Gefängnisses (1760-1840?)

Wer zu der Geschichte von Gefängnissen forscht sowie über ihren Sinn und Zweck nachdenkt, kommt an Michel Foucault nicht vorbei. Der französische Philosoph/Historiker/Soziologe veränderte mit seiner 1975 veröffentlichten Publikation Surveiller et punir: Naissance de la prison (Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses) die Art und Weise, wie in den Geisteswissenschaften über die Institution Gefängnis und ihr Verhältnis zur Gesellschaft als Ganzes diskutiert wurde.

Seine wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Thema war auch durch sein politisches Engagement geprägt. Als Aktivist gründete er mit Freunden und Kollegen die Groupe d’information sur les prisons (GIP), die sich zum Ziel setzte, Informationen über die inhumanen Lebensbedingungen in französischen Gefängnissen zu verbreiten und den Gefangenen selbst eine Stimme zu geben.

In seinen häufig historisch angelegten Arbeiten ging er der Frage nach, wo die Wurzeln unserer gegenwärtigen Gesellschaft liegen. Er fragte nach den Ursprüngen von dem, was wir ‚Moderne‘ nennen, nach dem Zusammenhang von Wissen(schaft) und Macht, nach den Gründen unserer Institutionen und Praktiken:

[E]r unterstrich, dass die „Modernitätsschwelle“, das heißt der Bruch vom 18. zum 19. Jahrhundert […], sein „Hauptthema“ sei. Von dieser Diskontinuität hatte er noch 1971 erklärt: „Es ist mir noch nicht gelungen, die Wurzel dieser Veränderungen genau zu lokalisieren. Aber eines weiß ich mit Sicherheit: Diese Veränderung haben wirklich stattgefunden, und nach ihrem Ursprung zu suchen,[sic] ist kein Hirngespinst.“[1]

In seiner vier Jahre später veröffentlichten Schrift Geburt des Gefängnisses gab er eine Antwort auf diese Frage. Um zu illustrieren, worauf er hinaus wollte, begann er das Buch mit einer seitenlangen Beschreibung der äußerst grausamen öffentlichen Hinrichtung des Königsattentäters Damiens im Jahr 1757. Die langwierige und orchestrierte Tortur, die mit einer Vierteilung durch Pferde endete, um den Angriff auf den König zu sühnen, wurde dem Reglement für das Haus der jungen Gefangenen in Paris von 1838 gegenübergestellt. Dazwischen verschwindet die öffentliche Bestrafung und Brandmarkung und weicht einer Strafform, die stattdessen ‚nur‘ die Freiheit des Delinquenten beschneidet und seinen Tagesablauf einer kleinlich bis ins Detail geregelten Disziplin unterwirft. Dazu Foucault:

Im Ancien Régime war der Grenzfall der Strafjustiz die endlose Zerstückelung des Körpers des Königsmörders: die Manifestation der stärksten Macht am Körper des größten Verbrechers, dessen vollkommene Zerstörung das Verbrechen in seiner Wahrheit aufblitzen lässt. Der Idealfall des heutigen Strafsystems wäre die unbegrenzte Disziplin: eine Befragung ohne Ende; eine Ermittlung, die bruchlos in eine minutiöse und immer analytischer werdende Beobachtung überginge; ein Urteil, mit dem ein nie abzuschließendes Dossier eröffnet würde; […] ein Verfahren, das sowohl andauerndes Messen des Abstandes zu einer unerreichbaren Norm wäre wie auch die asymptotische Bewegung, die endlos zur Einholung dieser Norm zwänge.[2]

Was Foucault hier beschreibt, ist die Tatsache, dass die brutale, öffentliche und körperliche Bestrafung durch ein neues Strafsystem abgelöst wurde; eines, das sich nicht mehr ausschließlich an den Körper richtet, sondern den Zugriff auf die Seele anstrebt.[3] Es geht darum, den Menschen zu formen, ihn zu verändern und ihn einer erwünschten Norm anzugleichen. Foucault bestand darauf, dass Gefängnisse nicht weniger grausam seien als die körperliche Züchtigung, aber heimtückischer, da sie das Herz, den Willen und das Denken verändern wollten.

Foucault richtet sich gegen die Selbstdarstellung von frühen Befürworter*innen des Gefängnisses, welche am Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert behaupteten, dass sie im Geiste der Aufklärung aus Güte, Respekt und Menschlichkeit handelten. Vielmehr sei es ihnen darum gegangen, die absolutistische Herrschaft abzuschaffen und ein neues Regime der Kontrolle und Disziplinierung einzurichten, welches den Interessen und Zielen der aufstrebenden Eliten besser entsprach.

Das Gefängnis dient Foucault nur als ein extremes Beispiel für ein neues Machtregime, das alle Lebensbereiche in der Moderne in Beschlag nehmen würde - von den Schulen über die Fabriken hin zu den Sportvereinen. Das vollendete Modell dieser Regierungsform sah er in der architektonischen Figur des Panopticon, das der Rechtsphilosoph Jeremy Bentham 1787 entworfen hat.

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Foto by Friman, Wikimedia Commons, licensed under (CC BY-SA 3.0) 

Das Panopticon basiert auf einem elaborierten System der Sichtbarkeit; vor allem aber ist es ein „demokratisches“, kein totalitäres Prinzip von Macht. Denn der Wächter im Zentrum ist nicht der König oder ein Diktator, sondern ein bloßer Funktionsträger, der seinerseits von allen Mitgliedern der Gesellschaft überwacht und ausgetauscht werden kann. Das Panopticon ist ein Machtmechanismus für Gesellschaften mit einer „flachen“, aber auch „flächendeckenden“ Verteilung der Macht; es zielt darauf, Assoziation und Kommunikation außerhalb ihres kontrollierenden Blicks zu verhindern. […] Damit wird das Panopticon ‚so etwas wie das Ei des Kolumbus im Bereich der Politik‘.[4]

Auf die Rezeptionsgeschichte und die vielfältige Kritik an sowie Weiterentwicklung von Foucaults Theorie kann hier nicht eingegangen werden. Erwähnt werden soll aber, dass die historische Forschung der letzten Jahrzehnte sich zahlreichen Aspekten zugewandt hat, die bei Foucault unterbelichtet blieben. Historiker*innen haben begonnen, verstärkt auch den europäischen Kolonialismus mit in den Blick zu nehmen und zu schauen, wie und wo bspw. in Vietnam, Afrika, China, Japan oder Peru die Geburt des Gefängnisses vonstatten ging und welche neuen Perspektiven sich dadurch auf die Theorie von Foucault ergeben.[5] Außerdem wurde der historische Zusammenhang von Gefängnissen und Rassismus intensiver erforscht, die Erfahrungen von gefangenen Frauen miteinbezogen und allgemein die Perspektive der Gefangenen stärker berücksichtigt.[6]

Und was kommt morgen?

Nur wenige Menschen werden im Alltag darüber nachdenken, ob eine Gesellschaft ohne Gefängnisse möglich und vielleicht sogar erstrebenswert ist. Doch der historische Blick macht deutlich, dass die meisten Dinge, die wir für selbstverständlich und natürlich halten, das Ergebnis historischer Prozesse sind, die auch ganz anders hätten verlaufen können. Doch wie könnten Alternativen zu unseren gegenwärtigen Strafsystemen aussehen?

Nicht nur historische und auch ethnologische Arbeiten können aufzeigen, welche unterschiedliche Institutionen, Praktiken und Rituale menschliche Gesellschaft entwickelt haben, um mit abweichendem Verhalten umzugehen. Auch gibt es zahlreiche Praktiker*innen und Theoretiker*innen, die sich konkret mit Alternativen zum Gefängnis in der Gegenwart beschäftigen.

Ein prominenter Vertreter in Deutschland ist der Jurist Thomas Galli, der bis 2016 selbst als Gefängnisdirektor arbeitete. Während seiner Tätigkeit kam er zusehends zu der Überzeugung, dass im Strafvollzug vieles nicht so funktioniert, wie es im Gesetz und in den Vorschriften vorgesehen ist. Er fällte die Entscheidung, sein Amt niederzulegen und tritt seither öffentlich für eine kritische Auseinandersetzung mit der Realität des Gefängnisses ein und wirbt für andere Formen des Umgangs mit Kriminalität:

Alle Alternativen zum Status quo werden Geld kosten, bis zu ihrer Etablierung vielleicht sogar etwas mehr als der derzeitige Strafvollzug. Mittel- und langfristig lassen sich aber bisher aufgewendete Ressourcen deutlich einsparen: durch eine Konzentration strafender Interventionen auf schwere Kriminalität, durch eine Reduzierung sozialer Folgekosten infolge der höheren Resozialisierungschancen alternativer Maßnahmen und indem wir den Schwerpunkt auf präventive Interventionen legen.[7]

Verschiedene Konzepte zum Strafvollzug und aussichtsreiche Bereiche für Reformanstrengungen im Justizsystem werden unter folgenden Stichworten diskutiert:

Viele dieser Vorschläge und Maßnahmen verdienen einen eigenen Artikel, um deren Aufarbeitung wir uns in den kommenden Monaten bemühen werden.

Empfehlungen

Michel Foucault: Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1976.

Mary Gibson: Global Perspectives on the Birth of the Prison. The American Historical Review, October 2011, Vol. 116, No. 4, S. 1040-1063

Einfach erklärt: Täter-Opfer-Ausgleich bei schweren Straftaten (Vimeo) 

Thomas Galli (2020): Weggesperrt. Warum Gefängnisse niemandem nützen.

Annelie Ramsbrock (2020): Geschlossene Gesellschaft. Das Gefängnis als Sozialversuch – eine bundesdeutsche Geschichte.

Quellen

1 : Philipp Sarasin (2005): Michel Foucault zur Einführung. S. 130.

2 : Zitiert nach ebd. S. 147.

3 : Zitiert nach ebd. S. 132.

4 : Ebd. S. 142-143.

5 : Vgl. Peter Zinoman (2001): The Colonial Bastille: A History of Imprisonment in Vietnam, 1862 1940. ; Frank Dikötter (2002): Crime, Punishment and the Prison in Modern China. ; Florence Bernault, ed. (2003): A History of Prison and Confinement in Africa. ; (2005): Daniel Botsman's book Punishment and Power in the Making of Modern Japan. ; Carlos Aguirre (2005): The Criminals of Lima and Their Worlds: The Prison Experience, 1850-1935.

6 : Vgl. Mary Gibson The American Historical Review, October 2011, Vol. 116, No. 4, S. 1040-1063.

7 : Thomas Galli (2020): Weggesperrt. Warum Gefängnisse niemandem nützen. S. 181.

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